Stellungnahme zur Schrift „Der Frieden braucht uns“

Stellungnahme zur Schrift

„Der Frieden braucht uns“
(www.friedensdienst.de)

CGW Christen für gerechte Wirtschaftsordnung e.V.

1. Vorsitzender Prof. Dr. Roland Geitmann

Prof. Dr. Roland Geitmann   M.-Bucer-Straße 6      D – 77694 Kehl

Aktionsgemeinschaft
Dienst für den Frieden e.V.
Blücherstr. 14
53115 Bonn

 

Anschrift:
Telefon:Datum:
Martin-Bucer-Str. 6
77694 Kehl07851 / 7213711. Febr. 2006

„Der Friede braucht uns!“

Sehr geehrter Herr Mildenberger,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir begrüßen die Absicht der EKD, eine neue Friedensschrift vorzubereiten, sowie die Initiative der AGDF, dies durch einen breiten Diskussionsprozess zu begleiten.

Wir hoffen, dass diese Aktivitäten den Blick für den Kern der friedensbedrohlichen Ver­hältnisse schärfen, indem sie den Ökumenischen Bekenntnisprozess „Wirtschaft im Dienst des Lebens“ voran treiben. In dessen Rahmen, insbesondere herausgefordert durch die Entschließung des Reformierten Weltbunds in Accra 2004, wird noch gezielter gefragt und zu klären sein, in welcher Weise unser Wirtschaftssystem die Gesellschaft auf Unfrieden programmiert.

Wir begrüßen deshalb, dass die vorgelegte Schrift diesen Zusammenhang zwischen Wirt­schaftssystem und Frieden gleich in der ersten These anspricht und in der Schlussthese („Frieden in Gerechtigkeit“) bestätigt und im Materialheft dazu hilfreiche Dokumente abdruckt. Dennoch bleiben solche allgemein gehaltenen Formulierungen vergleichsweise unverbindlich. Deshalb würden wir uns wünschen, dass die EKD und ihre Kammer für öffentliche Verantwortung den Mut finden, sich auf die in allen Religionen und insbesondere auch im Christentum verankerten Grundregeln des wirtschaftlichen Miteinanders zu besinnen und zu bekennen, dass deren Missachtung den Frieden auf dieser Erde möglicherweise am stärksten gefährdet.

Nicht umsonst konzentrieren wir uns als Teil der Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auf die Ordnung der Wirtschaft, deren alles zerstörender Krebs im Geldwesen sitzt. Die Tatsache, dass „Geld“ auch gerade für die Kirche ein Tabuthema ist, obwohl sie hierzu durch Jahrtausende wichtige Erkenntnisse tradierte und mittlerweile in den Giftschrank verbannte, erklärt die allgemeine Lage und bestätigt unsere Diagnose. Deswegen wird auch eine neue Friedensschrift nur dann wirklich hilfreich sein, wenn sie auch dieses Thema angeht und klarstellt, was es sowohl für das Verhalten des Einzelnen als auch für die Sozialgestaltung der Gesellschaft bedeutet, sich in der Alternative „Gott oder Mammon“ für Ersteren zu entscheiden.

Zur Erläuterung verweisen wir auf die drei beiliegenden Schriften und weitere Literatur. Wir behaupten nicht, dass unsere Reformvorschläge zum Geldwesen allein den Frieden gewährleisten können; soweit dieser überhaupt erreichbar ist, bedarf es dafür viel umfassenderer Anstrengungen. Wir wollen lediglich nachdrücklich darauf aufmerksam machen, dass unsere Gesellschaft auf direkte und strukturelle Gewalt, auf militärische Rüstung und Kriege so lange programmiert bleibt, als wir am Geldwesen nicht die Änderungen vornehmen, die Religionen seit eh vorzeichnen – und die Juden und Muslime intensiver suchen als wir Christen und ansatzweise auch umsetzen.

Unter diesem Aspekt nehmen wir zu einigen der in Ihrem Informationsheft gestellten Fragen Stellung:

1. Wirtschaft soll dem Leben dienen
a) Ihre Beschreibung stimmt. Die Gesellschaft kann von sich nicht behaupten, sie beruhe auf einem christlichen Wertekanon.
b) Die von uns und vielen Menschen, Gruppen und Organisationen betriebene Bildungsarbeit sowie die wachsende Not und Angst der Menschen haben das Interesse an den von uns bearbeiteten Fragen zur besseren Funktionsweise des Geldes wachsen lassen. Die kirchliche Friedensschrift könnte – um diese Gedanken angereichert – neue Impulse und Orientierung geben.
c) Eine grundlegende Veränderung unseres Wirtschaftssystems ist dringend notwendig, die allen Menschen den gleichen Zugang zu dem eröffnet, was allen gemeinsam gehört. Dazu gehören sowohl die Regelung der Landfrage und der Rohstoffverteilung als auch das Geld. Das bedeutet:
Veränderung des Geldwesens (sowohl ökonomisch als auch biblisch begründbar) z.B. durch eine Liquiditätsabgabe mit dem Ziel eines um Null pendelnden Zinsniveaus und damit Stopp der zinsbedingten Subventionierung der Reichen durch die Armen, des Verschuldungs- und Wachstumszwangs, der Wirtschaftskonzentration und des Handels mit Unternehmensbeteiligungen;
Mitarbeiterbeteiligung an Unternehmen ohne Eigentumsansprüche;
Eindämmung der spekulativen Devisenumsätze (z.B. durch Tobinsteuer).
Schrittweise Verlagerung der Steuerlast weg von der Arbeit hin auf die Inanspruchnahme von Naturressourcen (insbesondere Energie, Rohstoffe, Wasser und Boden); als Ökoumlage (letztlich weltweit) pro Kopf zurückverteilt ermöglicht dies Menschen ein Grundeinkommen.
d) Wir befürworten Bündnisse und arbeiten schon jetzt zusammen mit den Ökumenischen Netzen, Kairos Europa, Attac, Kooperation für den Frieden, Erlassjahr-Kampagne, IKvu, Initiative Natürliche Wirtschaftsordnung (INWO), Sozialwissenschaftliche Gesellschaft (SG), Seminar für freiheitliche Ordnung, Netzwerk soziale Dreigliederung, Initiative „Aufbruch – anders besser leben“ u.a.
2. Sicherheit – für wen und wovor?
a) Wir teilen den zitierten umfassenden Sicherheitsbegriff der UNO und meinen, dass Sicherheit am meisten bedroht ist durch Ungerechtigkeit – und durch das Bestreben der Reichen, sich ihre Privilegien zu erhalten.
b) Wir erwarten vom Staat primär eine Rahmenordnung, die sowohl ein solidarisches Miteinanderwirtschaften als auch freie kulturelle Entfaltung der Menschen gewährleistet und
c) nicht Maßnahmen zur Absicherung geopolitischer Interessen und des Zugangs zu Naturressourcen in anderen Regionen. Die unter 1c) genannte Ökoumlage würde bewirken, dass das göttliche Geschenk dieses sonnenbeschienenen Planeten bei jedem Menschen ankommt und alle Menschen der Erde gleichen Zugang zu den Naturressourcen haben.
d) Eine eindeutige kirchliche Stellungnahme zu Gunsten solch globaler Teilhabe als Voraussetzung der „Sicherheit für alle“ und die beharrliche Forderung, die Wirt­schaftsordnung entsprechend zu verändern, wären wichtige Schritte.
3. Hände weg vom „Spiel“ mit dem Krieg

Eine krebsartig auf exponentielles Wachstum programmierte Wirtschaft mündet zwangsläufig in militärische Rüstung und Kriege – im Kampf um begrenzte Natur­ressourcen, zur Absicherung von Privilegien gegenüber den Armen und als Wachstumsfeld. Deshalb arbeiten wir als Teil der Friedensbewegung an diesem Kernübel und fordern die Kirche auf, Gleiches zu tun.

4. Mut zur Gewaltlosigkeit

Selbstverständlich befürworten und fördern wir alle geeigneten Formen gewaltfreier Konfliktaustragung, fürchten allerdings, dass die materiellen Existenzängste, wie sie unser strukturell gewalttätiges Wirtschaftssystem täglich erzeugt, die Menschen überfordern und immer wieder zu direkter Gewalt antreiben werden.

5. Wer Frieden will, muss Frieden wagen

Auch wir sind von der friedensstiftenden Überlegenheit gewaltfreier Bearbeitung von Konflikten überzeugt und befürworten den Aufbau internationaler Polizeikräfte in der Hand der UNO, geben jedoch zu bedenken, dass ein auf Wachstum programmiertes Weltwirtschaftssystem in immer größerem Ausmaß zerstören muss, um weiterhin Wachstumsfelder zu bieten.

6. Religion zwischen Frieden und Gewalt

In den vergangenen 2000 Jahren sind Juden immer wieder Opfer eines verfehlten Geldwesens geworden, indem sie zwecks wirtschaftlicher Belebung in die Rolle des Geldverleihers gedrängt wurden. Solange keine anderen Lösungen gefunden wurden, mussten sich dabei – entgegen religiösen Gesetzen – Zinsforderungen und entsprechende Interessengegensätze und Spannungen einstellen. Im Bemühen um konstruktive Lösungen sind sowohl Juden (mit Netzen zinsloser Leihe im Umfeld von Synago­gen) als auch Muslime (mit den von Islamischen Banken angebotenen Formen der Gewinn- und Verlustbeteiligung) den Christen, die dieses Kernproblem der Wirtschaft seit vier Jahrhunderten verdrängt haben, deutlich voraus.

7. Frieden ist nur gemeinsam möglich

Ihre Feststellungen können wir nur bestätigen, insbesondere was die Rolle und Ver­antwortung der Nichtregierungsorganisationen anbetrifft. Hier gibt es mehr an zukunftsweisenden, systemwandelnden und friedensfördernden Suchbewegungen und Initiativen, als die Kirchen bislang wahrnehmen. Der Anteil der von Ray/Anderson so genannten „Kulturell Kreativen“ dürfte mittlerweile 30 % der Bevölkerung betragen und fühlt sich doch nur zu einem geringen Teil in der Kirche beheimatet. Kirchen sollten sensibler und offener werden für solche Initiativen, diese durch positive Resonanz ermutigen und sich an ihren Projekten beteiligen. Dies gilt gerade auch für solche, die das Geldwesen betreffen wie Leihgemeinschaften, Tauschringe und Regionalwährungen, zumal diese sich im Verhältnis zur einseitig machtgeprägten globalen Geldwirtschaft als komplementäre und stabilisierende Elemente erweisen könnten.

In einer Gesellschaft, in der sich dank technischen Fortschritts die Erwerbsarbeit verringert und die ihre Mitglieder deshalb durch ein Grundeinkommen in ihrer Existenz wird sichern müssen, könnten Kirchen zu einem wichtigen Akteur des dritten Sektors werden, der Menschen befähigt, sich jenseits von Erwerbszielen kreativ in die Gesellschaft einzubringen.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. R. Geitmann

Anlagen:

– Helmut Creutz: Wirtschaftliche Triebkräfte von Rüstung und Krieg (2001)
– Roland Geitmann: Geld und Rüstung. Zusammenhänge zwischen Geldsystem, Wirtschaftskrisen und Rüstung (1994)
– Werner Onken: Frieden schaffen durch soziale Gerechtigkeit (2000)
– Bücherliste

Bankverbindung CGW: Postbank Niederlassung Karlsruhe, BLZ 660 100 75, Konto-Nr. 1140 12‑753