Warum Christlich

Dass die Erde Gott gehört und allen Menschen zur treuhänderischen Nutzung überlassen wurde, ist ein in allen Religionen beheimateter Gedanke. Beispielsweise sagt die Bibel:

Die Erde ist des Herrn und alles was darinnen ist. (Ps. 24, 1)
Grund und Boden darf nicht für immer verkauft werden, denn das Land ist mein und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir. (3. Mose 25, 23)

Deshalb fordern die Christen für gerechte Wirtschaftsordnung ein ökologisches Steuersystem, das Arbeitseinkommen entlastet und stattdessen die Inanspruchnahme natürlicher Lebensgrundlagen, insbesondere Energie und auch Boden, zur Bemessungsgrundlage macht.

Wenn von einem religiösen Zinsverbot die Rede ist, denkt man eher an den Islam als an das Christentum. Das hängt sicher damit zusammen, dass der Zins von den christlichen Kirchen heute toleriert, ja akzeptiert ist, während er früher als ungerecht abgelehnt wurde.

Um das Zinsverbot besser zu verstehen, muss man sich die Auswirkungen des Zinses verdeutlichen: Rund 10 % der Bevölkerung besitzen rund 90 % des Vermögens – das ist in Deutschland so und in der ganzen Welt ähnlich, oft noch krasser zu Gunsten der Wenigen und zu Ungunsten der Vielen. Das Ungleichgewicht rührt insbesondere daher, dass wer mehr hat als er braucht, seinen Überschuss „arbeiten“ lassen kann: Viele Arme sind gezwungen, Kredite aufzunehmen, aus deren Zinsen und Zinseszinsen wenige Reiche unvorstellbar hohe Gewinne einstreichen – bis zu einer halben Million Euro täglich, nicht zu vergessen die Zinsanteile in allen Waren- und Dienstleistungspreisen, die jeder, auch wenn er keine Schulden hat, bezahlen muss.

Dieser für die weniger Wohlhabenden strangulierende Mechanismus muss den Autoren der Bibel weit bewusster gewesen sein als uns aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts. So im Alten Testament:

„Wenn du (einem aus) meinem Volke Geld leihst, einem Armen neben dir, so handle an ihm nicht wie ein Wucherer; ihr sollt ihm keinen Zins auflegen.“ (2. Mose 22, 25; s. auch 3. Mose 25, 35-37 und 5. Mose 23, 19-20)

Und im Neuen Testament:

„Vielmehr liebet eure Feinde und tut Gutes und leihet, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein. …“ (Lukas 6, 35)„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäus, 6, 24)

Und wie schon griechische und römische Philosophen („Zinsnehmen ist die naturwidrigste Erwerbsart“, Aristoteles) vertraten auch die Kirchenväter das Zinsverbot:

„Es ist äußerst ungerecht, mehr zu fordern als man gegeben hat. So handeln, das ist seinen Nächsten ausbeuten und auf perfide Weise mit seiner Not spekulieren.“ (Lactantius“, gest. 330 n. Chr.)„Was ist für ein Unterschied, durch Einbruch in Besitz fremden Gutes zu kommen auf heimliche Weise und durch Mord als Wegelagerer, indem man sich selbst zum Herrn des Besitzes jenes Menschen macht, oder ob man durch Zwang, der in den Zinsen liegt, das in Besitz nimmt, was einem nicht gehört?“ (Gregor von Nyssa, ca. 334 – 394 n. Chr.)

Martin Luther bekräftigt:

„Darum ist ein Wucherer und Geizhals wahrlich kein rechter Mensch; er sündigt auch nicht eigentlich menschlich! Er muss ein Werwolf sein, schlimmer noch als alle Tyrannen, Mörder und Räuber, schier so böse wie der Teufel selbst! Er sitzt nämlich nicht als ein Feind, sondern als ein Freund und Mitbürger im Schutz und Frieden der Gemeinde und raubt und mordet dennoch gräulicher als jeder Feind und Mordbrenner. Wenn man daher die Straßenräuber, Mörder und Befehder rädert und köpft, um wie viel mehr noch sollte man erst alle Wucherer rädern und foltern, alle Geizhälse verjagen, verfluchen und köpfen.“

Noch für Luther ist selbst niedriger Zins bereits Wucher.

Die Katholische Kirche hatte noch in ihrem Gesetzbuch (Codex Juris Canonici, Kanon 1543) von 1917/18 die Regelung, dass ein Darlehensvertrag keinen Gewinn rechtfertige, allerdings verbunden mit dem Zusatz, dass weltliches Gesetz eine abweichende Vereinbarung erlauben könne. Beides wurde im Zuge der Neufassung 1983 ersatzlos gestrichen.

In einer Marktwirtschaft ist ein Zinsverbot nicht sinnvoll, wohl aber Maßnahmen, welche die uferlose Bereicherung durch Zinsen verhindern, etwa eine Liquiditätsabgabe, die man auf Geld erheben könnte, das dem Umlauf vorenthalten wird.

Die Christen für gerechte Wirtschaftsordnung sind nicht nur für Christen offen, sondern für alle, die wollen, dass auch Christen ihre Verantwortung für eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung wahrnehmen. Wir fühlen uns bestärkt durch die Netzwerke zinsloser Leihe im Umfeld jüdischer Synagogen und verfolgen mit Sympathie die Bemühungen Islamischer Banken, durch Formen der Gewinn- und Verlustbeteiligung Zinsen zu vermeiden.

Die leistungslose Bereicherung zu Lasten der Bevölkerungsmehrheit mittels Zins und dessen fatale Wirkungen sind der Begründungskern dafür, dass (immer mehr) Christen wie auch andere Religionen das kapitalistische Wirtschaftssystem ablehnen, wie es die 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes im August 2004 in Accra beschlossen hat. Außerdem spricht viel dafür, dass es nicht zuletzt die zerstörerische Dynamik des Zinseszinsprinzips ist, die uns, wenn auch unbewusst, in den Augen islamischer Fundamentalisten so hassenswert macht. Wenn wir dem Terror begegnen wollen, müssen wir diesen Tumor unseres westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zu einem vordringlichen Gegenstand des interreligiösen Gesprächs machen.