{"id":55,"date":"2016-04-09T21:22:25","date_gmt":"2016-04-09T19:22:25","guid":{"rendered":"http:\/\/cgw.de\/cgw\/?page_id=55"},"modified":"2016-04-09T21:22:25","modified_gmt":"2016-04-09T19:22:25","slug":"warum-christlich","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/cgw.de\/?page_id=55","title":{"rendered":"Warum Christlich"},"content":{"rendered":"<p>Dass die Erde Gott geh\u00f6rt und allen Menschen zur treuh\u00e4nderischen Nutzung \u00fcberlassen wurde, ist ein in allen Religionen beheimateter Gedanke. Beispielsweise sagt die Bibel:<\/p>\n<div align=\"center\">\n<table id=\"table5\" border=\"0\" width=\"90%\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><i>Die Erde ist des Herrn und alles was darinnen ist. (Ps. 24, 1)<br \/>\nGrund und Boden darf nicht f\u00fcr immer verkauft werden, denn das Land ist mein und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir. (3. Mose 25, 23)<\/i><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Deshalb fordern die Christen f\u00fcr gerechte Wirtschaftsordnung ein \u00f6kologisches Steuersystem, das Arbeitseinkommen entlastet und stattdessen die Inanspruchnahme nat\u00fcrlicher Lebensgrundlagen, insbesondere Energie und auch Boden, zur Bemessungsgrundlage macht.<\/p>\n<p>Wenn von einem religi\u00f6sen Zinsverbot die Rede ist, denkt man eher an den Islam als an das Christentum. Das h\u00e4ngt sicher damit zusammen, dass der Zins von den christlichen Kirchen heute toleriert, ja akzeptiert ist, w\u00e4hrend er fr\u00fcher als ungerecht abgelehnt wurde.<\/p>\n<p>Um das Zinsverbot besser zu verstehen, muss man sich die Auswirkungen des Zinses verdeutlichen: Rund 10 % der Bev\u00f6lkerung besitzen rund 90 % des Verm\u00f6gens \u2013 das ist in Deutschland so und in der ganzen Welt \u00e4hnlich, oft noch krasser zu Gunsten der Wenigen und zu Ungunsten der Vielen. Das Ungleichgewicht r\u00fchrt insbesondere daher, dass wer mehr hat als er braucht, seinen \u00dcberschuss &#8220;arbeiten&#8221; lassen kann: Viele Arme sind gezwungen, Kredite aufzunehmen, aus deren Zinsen und Zinseszinsen wenige Reiche unvorstellbar hohe Gewinne einstreichen \u2013 bis zu einer halben Million Euro <i>t\u00e4glich<\/i>, nicht zu vergessen die Zinsanteile in allen Waren- und Dienstleistungspreisen, die jeder, auch wenn er keine Schulden hat, bezahlen muss.<\/p>\n<p>Dieser f\u00fcr die weniger Wohlhabenden strangulierende Mechanismus muss den Autoren der Bibel weit bewusster gewesen sein als uns aufgekl\u00e4rten Menschen des 21. Jahrhunderts. So im Alten Testament:<\/p>\n<div align=\"center\">\n<table id=\"table1\" border=\"0\" width=\"90%\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><i>&#8220;Wenn du (einem aus) meinem Volke Geld leihst, einem Armen neben dir, so handle an ihm nicht wie ein Wucherer; ihr sollt ihm keinen Zins auflegen.&#8221; (2. Mose 22, 25; s. auch 3. Mose 25, 35-37 und 5. Mose 23, 19-20)<\/i><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Und im Neuen Testament:<\/p>\n<div align=\"center\">\n<table id=\"table2\" border=\"0\" width=\"90%\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><i>&#8220;Vielmehr liebet eure Feinde und tut Gutes und leihet, ohne etwas zur\u00fcckzuerwarten. Dann wird euer Lohn gro\u00df sein und ihr werdet S\u00f6hne des H\u00f6chsten sein. &#8230;&#8221; (Lukas 6, 35)<\/i><i>&#8220;Ihr k\u00f6nnt nicht Gott dienen und dem Mammon.&#8221; (Matth\u00e4us, 6, 24)<\/i><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Und wie schon griechische und r\u00f6mische Philosophen (&#8220;Zinsnehmen ist die naturwidrigste Erwerbsart&#8221;, Aristoteles) vertraten auch die Kirchenv\u00e4ter das Zinsverbot:<\/p>\n<div align=\"center\">\n<table id=\"table3\" border=\"0\" width=\"90%\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><i>&#8220;Es ist \u00e4u\u00dferst ungerecht, mehr zu fordern als man gegeben hat. So handeln, das ist seinen N\u00e4chsten ausbeuten und auf perfide Weise mit seiner Not spekulieren.&#8221; (Lactantius&#8221;, gest. 330 n. Chr.)<\/i><i>&#8220;Was ist f\u00fcr ein Unterschied, durch Einbruch in Besitz fremden Gutes zu kommen auf heimliche Weise und durch Mord als Wegelagerer, indem man sich selbst zum Herrn des Besitzes jenes Menschen macht, oder ob man durch Zwang, der in den Zinsen liegt, das in Besitz nimmt, was einem nicht geh\u00f6rt?&#8221; (Gregor von Nyssa, ca. 334 &#8211; 394 n. Chr.)<\/i><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Martin Luther bekr\u00e4ftigt:<\/p>\n<div align=\"center\">\n<table id=\"table4\" border=\"0\" width=\"90%\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><i>&#8220;Darum ist ein Wucherer und Geizhals wahrlich kein rechter Mensch; er s\u00fcndigt auch nicht eigentlich menschlich! Er muss ein Werwolf sein, schlimmer noch als alle Tyrannen, M\u00f6rder und R\u00e4uber, schier so b\u00f6se wie der Teufel selbst! Er sitzt n\u00e4mlich nicht als ein Feind, sondern als ein Freund und Mitb\u00fcrger im Schutz und Frieden der Gemeinde und raubt und mordet dennoch gr\u00e4ulicher als jeder Feind und Mordbrenner. Wenn man daher die Stra\u00dfenr\u00e4uber, M\u00f6rder und Befehder r\u00e4dert und k\u00f6pft, um wie viel mehr noch sollte man erst alle Wucherer r\u00e4dern und foltern, alle Geizh\u00e4lse verjagen, verfluchen und k\u00f6pfen.&#8221;<\/i><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Noch f\u00fcr Luther ist selbst niedriger Zins bereits Wucher.<\/p>\n<p>Die Katholische Kirche hatte noch in ihrem Gesetzbuch (Codex Juris Canonici, Kanon 1543) von 1917\/18 die Regelung, dass ein Darlehensvertrag keinen Gewinn rechtfertige, allerdings verbunden mit dem Zusatz, dass weltliches Gesetz eine abweichende Vereinbarung erlauben k\u00f6nne. Beides wurde im Zuge der Neufassung 1983 ersatzlos gestrichen.<\/p>\n<p>In einer Marktwirtschaft ist ein Zinsverbot nicht sinnvoll, wohl aber Ma\u00dfnahmen, welche die uferlose Bereicherung durch Zinsen verhindern, etwa eine Liquidit\u00e4tsabgabe, die man auf Geld erheben k\u00f6nnte, das dem Umlauf vorenthalten wird.<\/p>\n<p>Die Christen f\u00fcr gerechte Wirtschaftsordnung sind nicht nur f\u00fcr Christen offen, sondern f\u00fcr alle, die wollen, dass auch Christen ihre Verantwortung f\u00fcr eine zukunftsf\u00e4hige Wirtschaftsordnung wahrnehmen. Wir f\u00fchlen uns best\u00e4rkt durch die Netzwerke zinsloser Leihe im Umfeld j\u00fcdischer Synagogen und verfolgen mit Sympathie die Bem\u00fchungen Islamischer Banken, durch Formen der Gewinn- und Verlustbeteiligung Zinsen zu vermeiden.<\/p>\n<p>Die leistungslose Bereicherung zu Lasten der Bev\u00f6lkerungsmehrheit mittels Zins und dessen fatale Wirkungen sind der Begr\u00fcndungskern daf\u00fcr, dass (immer mehr) Christen wie auch andere Religionen das kapitalistische Wirtschaftssystem ablehnen, wie es die 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes im August 2004 in Accra beschlossen hat. Au\u00dferdem spricht viel daf\u00fcr, dass es nicht zuletzt die zerst\u00f6rerische Dynamik des Zinseszinsprinzips ist, die uns, wenn auch unbewusst, in den Augen islamischer Fundamentalisten so hassenswert macht. Wenn wir dem Terror begegnen wollen, m\u00fcssen wir diesen Tumor unseres westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zu einem vordringlichen Gegenstand des interreligi\u00f6sen Gespr\u00e4chs machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die Erde Gott geh\u00f6rt und allen Menschen zur treuh\u00e4nderischen Nutzung \u00fcberlassen wurde, ist ein in allen Religionen beheimateter Gedanke. 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